Wenn du Glück hast, wirst du kopiert

Posted: 30. April 2019

Wer schon etwas länger in einer Kreativszene tätig ist, wird zweifelsohne mit der folgenden Situation konfrontiert worden sein. Das betrifft tatsächlich nicht nur Fotografen. Du bekommst von einem Freund, Kollegen oder Follower einen Screenshot geschickt mit dem Zusatz „Guck mal, du wirst kopiert!“

Vor einiger Zeit habe ich aufgehört zu zählen, wie viele Nachrichten dieser Art ich bisher bekommen habe. Ich möchte mir auch nicht anmaßen, das alles böse Absicht ist, sondern glaube auch an Zufall. Es gibt verschiedene Arten von Copycats und ich finde, wir sollten mit dem negativen Image brechen. Schließlich sind wir alle Kreative und die Idee ist ein Werkzeug, kein Besitz.

Ideen sind Herdentiere

Manchmal haben zwei verschiedene Menschen eine ähnliche Idee, ohne voneinander zu wissen. Sie können völlig unterschiedliche Leben führen und vielleicht haben sie nicht mal von dem Namen des anderen gehört. Dennoch kann es vorkommen, dass sie eine Idee haben, die sich stark ähnelt. Das kann verschiedene Ursachen haben. Beispielsweise können sie dieselben Inspirationsquellen haben, die gleichen Interessen, oder die Magie der Kreativität hat ihnen beiden den Ball zugespielt. Man kann nicht genau sagen, woher dies kommt, aber Fakt ist, das so etwas tatsächlich passieren kann. (Ein schöner Buchtipp an dieser Stelle: Big Magic von Elizabeth Gilbert* – besonders empfehlenswert als englisches Hörbuch* gelesen von der Autorin selbst)

Wenn sich die Umsetzung dieser Idee zeitlich überschneidet, ist das natürlich tragisch … aber ein Weltuntergang? Wohl kaum. Je nach Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit kann das zwar für viel Gesprächsstoff sorgen, aber im Endeffekt sollten sich beide Kreative ansehen, respektvoll zunicken und zur nächsten Idee weitergehen. Wer weiß – vielleicht schlägt der Blitz ja gleich zwei Mal ein und die nächste Idee … wird auch dieselbe. Das könnte man dann tatsächlich feiern. Sich ein Leben lang an einer einzigen Idee festzuklammern ist eigentlich nur ein Indiz dafür, nicht daran zu glauben, jemals wieder etwas so ______ (gutes, schönes, kluges, geniales … Setze dein Wort ein) zu erschaffen. Es ist ein Symbol für Selbstzweifel, aber wir machen uns alle viel kleiner, als wir in Wirklichkeit sind. Hör also auf damit – trau dir mehr zu. 

Inspiration ohne Grenzen?

Auch die Kopie, die von aufrichtiger Inspiration hergeleitet wurde, sehe ich nicht als negativ an. Ich möchte behaupten, selbst inspiriert zu werden – manchmal bewusst, öfter unbewusst. Ich arbeite sogar sehr hart dafür, inspiriert zu werden und inspiriert zu bleiben. Das letztere ist wirklich schwierig. Ohne Inspiration ist das Leben schließlich nur eine graue Hülle ohne Sinn und Passion. Man kann trainieren, kreativ zu sein und im Grunde ist es lediglich eine Charaktereigenschaft, sich von allem inspirieren zu lassen. Ganz à la „Enjoy the little things“ kann man Limonade aus den Zitronen des Lebens machen ( … oder die Zitronen vierteln und zum Tequila Shot trinken). Ab einem gewissen Entwicklungsstadium einer Kreativbranche kann man das Rad nicht neu erfinden. Irgendwas hat es immer gegeben. Irgendwas hat irgendwer vor dir ausprobiert. Irgendwas wurde vor dir umgesetzt. Wahrscheinlich sogar in mehr als einer Variation. 

Besonders dann, wenn man seinen Idolen folgt, neigt man dazu, sich stark von ihnen inspirieren zu lassen. Das ist keine böse Absicht, sondern der normale Lauf des Lebens. Das, was ich in Massen konsumiere, lenkt meine Art zu denken. Anekdoten, Schreibweisen, Stile und Elemente, die ich häufig wahrnehme und gut finde, setze ich auch schnell selbst um. Man glaubt, die Idee kam von einem selbst, aber in Wahrheit hat man verschiedene Puzzleteile zusammen gesetzt. Das ist okay, und es ist sogar etwas schönes, in Menschen so eine Art der Inspiration auslösen zu können. Es ist also nichts verkehrt daran, alte Trends mit neuem Glanz zu versehen. Natürlich möchte jeder etwas Neues erschaffen. Etwas, was vorher noch nie da gewesen war und Millionen berührt. Dennoch muss man sich eingestehen, dass man nicht alles zu 100 % neu erfinden kann. Probier es doch mal mit 50 %. Nimm eine bestehende Basis und wandle den Rest ab. Leg Prioritäten fest, stell die richtigen Fragen und mach es damit zu deinem Eigen. Damit erschaffst du etwas … Neues!

Die richtigen Copycats

Auch die gibt es leider … die richtigen Copycats. Die, die sich nicht nur inspirieren lassen, sondern deine Ideen 1:1 übernehmen, ohne sich die Mühe zu machen, ihre Spuren zu verschleiern. Auch diesen bin ich in den letzten Jahren oft begegnet. Ich habe das Gefühl, dass besonders dieser Trend extrem zunimmt. Mir wurden Fotos geschickt, die meinen eigenen Fotos bis ins Detail nachgestellt wurden. Mir wurden Websites geschickt, in denen jedes Wort von meiner eigenen geklaut wurde. Am schlimmsten finde ich es, wenn solche Copycats Lehrangebote führen … wie kann jemand etwas unterrichten, der selbst nur rechts und links abguckt? Dennoch versuche ich mich davon nicht mehr beirren zu lassen. Dass dies so häufig vorkommt, zeigt mir nur, dass die Szene kurz vor dem Wandel ist – denn ich kann nicht die einzige sein, der so etwas auffällt.
Es gab eine Zeit, in denen ich diesen Copycats sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt habe. Ich habe sie angeschrieben und gebeten, ihre Website zu ändern oder ein Gespräch gesucht, um herauszufinden, wieso meine Fotos kopiert wurden. Ich wollte sie über das Urheberrecht aufklären, da ich glaubte, sie wüssten gar nicht, dass sie dort eine Straftat begangen haben. Man, was habe ich mich geärgert … Warum auch nicht? Wenn man Tage, manchmal sogar Wochen oder Monate damit verbringt, ein Angebot zu erstellen und Texte dafür zu entwerfen, sich Themen auszudenken, Fotos umzusetzen … wieso darf man dann nicht wütend sein, wenn diese Ideen einfach 1:1 übernommen werden?

… Man darf wütend sein. Dazu hat man jedes recht. Das ist menschlich. Aber: Nur kurz. Unser Energie richtet sich dahin, wohin wir unseren Fokus richten. Wenn wir uns ständig auf das negative – auf all die Fakes und Nachmacher – konzentrieren, was passiert dann mit uns? Was passiert mit unserer Wahrnehmung? Anstatt weiterhin Neues zu schaffen und unseren eigenen Weg zu gehen, verlieren wir unseren Boden und werden zu einer Marionette, die verzweifelt versucht, anderen Marionetten hinterher zu rennen.

Eigentlich haben wir doch etwas erschaffen oder fotografiert, um unsere Gefühle mitzuteilen, um Freude zu schenken, um Schönheit zu hinterlassen, um die Wahrheit zu enthüllen – was auch immer dein Grund sein mag. Das ist das große Warum. Das ist der Kern unserer Arbeit. Und diese Arbeit wird nicht besser, wenn wir uns wütend auf die paar Menschen fokussieren, die diese Ideen (eventuell) abgreifen. Ganz im Gegenteil. Wir werden verbissen, vielleicht sogar verbittert, und verlieren damit den Glanz in unserer Arbeit.

Mittlerweile habe ich genug erlebt, um dem Glauben zu folgen, dass alles einen Sinn hat. Gewisse Gefühle verschwinden nicht, bis wir sie nicht verstanden und in angemessener Zeit verarbeitet haben. Situationen tauchen so lange auf, bis du ihre Lehre angenommen hast, um anschließend mit Wachstum ins nächste Level aufzusteigen.

Wenn ich nun das Gefühl bekomme, das mich jemand kopiert, versuche ich nicht wütend zu sein. Stattdessen läuft es in meinem Kopf wie folgt ab:

Stopp –  atme – entspanne deine Schultern. Und den Kiefer. Nein, richtig entspannen, du willst doch keine Zahnschmerzen bekommen!
Ist es wirklich kopiert? Oder war hier jemand nur inspiriert? Oder hat der Blitz der Kreativität bei uns beiden gleichzeitig eingeschlagen? Ist es böswillig? Ist es ein Angriff gegen mich als Person? Entsteht hier ein finanzieller Schaden? Oder vielleicht ein Image Schaden? Ist es gar nicht so schlimm, weil wir unterschiedliche Zielgruppen haben? … Geht jetzt die Welt unter? Wäre das in einem Jahr noch wichtig?

Oftmals reicht die Beantwortung dieser Fragen schon aus, um zu erkennen, dass nicht alles eine böse Absicht oder ein direkter Angriff gegen uns ist. 

Dann versuche ich mich von meinem Ego zu distanzieren. Denn Tatsache ist, dass uns das Ego in diesem Augenblick sagt, dass wir alle Ideen und alles, was wir erschaffen, für uns selbst horten müssen. Es ist alles unser. Alles mein. Ganz allein. Mein Verdienst. Meine Idee. Meine Worte. Meine Fotos. Meins meins meins. Meins.

Nein. Ich erzähl dir jetzt etwas, was dich vielleicht schockieren mag: Es ist von allem genug da! Es gibt genügend Zielgruppen, genügend Menschen, genügend Kunden, genügend Ideen, genügend Zeit, genügend Freiraum, genügend Möglichkeiten … Wieso nicht teilen? Wieso darf eine Idee, die bei mir zu erst gelandet ist, nicht auch jemand anderes helfen? Und wieso nehme ich mich in diesem ganzen Schauspiel eigentlich so verdammt wichtig? Die Welt hört sich doch deshalb nicht auf zu drehen, oder?

Stattdessen versuche ich zu verstehen, was mir all das sagen möchte. Ich fand mich selbst öfter in dieser Situation wieder als mir lieb ist. Aber genau deshalb weiß ich auch, das es weitergehen muss, ich kann nicht stehen bleiben, mich wie ein Kind auf den Boden schmeißen und wegen dieser Unfairness rumheulen. Distanziere ich mich davon, alles für mich horten zu wollen, lasse ich diese Idee los. Ich mach sie quasi zu Freiwild. 

„Mach damit, was du möchtest. Benutz diese Idee, möge sie dir viel Glück bringen. Mir hat sie gedient, und nun lasse ich sie weiterziehen und andere Menschen glücklich machen.“

Wenn ich sehe, dass eine Idee oft kopiert oder genutzt wird, sie viele Menschen inspiriert … dann weiß ich, ist es an der Zeit, weiterzugehen. Copycats sind eigentlich ein Segen. Denen, die mir besonders weh getan haben, müsste ich eigentlich eine Dankeskarte senden. Sie sorgen regelmäßig dafür, dass ich nicht roste. Sie sind wie Dünger. Scheiße, aber sie helfen und lassen mich wachsen. Sie sorgen dafür, das ich ein Kapitel schließe und etwas neues wage. Nicht im Alten zu verweilen. Ich weiß dann, dass es Zeit ist, etwas größeres zu schaffen – etwas besseres, etwas nachhaltigeres, etwas glücklicheres, etwas gemeinschaftlicheres, etwas nützlicheres, etwas schöneres, etwas gesünderes – was auch immer das sein mag, und was es für dich sein mag.

Ideen gehören uns nicht. Wir haben das Glück, dass sie bei uns landen, und manchmal ist ihr Timing so gut, dass wir sie annehmen können und sie in etwas reales umwandeln. Wir hauchen ihnen Leben ein, aber wir sind nicht alleine dazu befugt. Und es kommt der Tag, an dem wir sie loslassen müssen, damit sie weiterziehen und ihren Zweck bei jemand anderes erfüllen können. Das liegt in ihrer Natur. Wir dürfen uns nicht auf eine gute Idee stützen und hoffen, dass sie uns bis an unser Lebensende dienen wird. Ideen sind für alle da und solang kein erheblicher finanzieller Schaden entsteht, plädiere ich dafür … loszulassen – weiterzumachen – und damit etwas noch besseres zu schaffen. Das Rad beginnt erneut sich zu drehen – denn Stillstand gehört nicht zum Leben dazu.

Ein kleiner Hinweis zum Ende dieses Artikels: Dies bezieht sich natürlich nicht auf die unbefugte Nutzung von umgesetzten Ideen – wie z.B. Modefirmen, die ungefragt Fotos auf T-Shirts drucken lassen. Das ist eine ganz andere Kiste. Ich rede hier von der Idee selbst und wie wir als Kreative mit ihr und untereinander umgehen.

Fotos zum Beitrag: Anna Ibelshäuser

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